Die wichtigste Hilfe beim Reiten

Dieses Zitat von Dominique Barbier steht bewusst am Anfang dieses Beitrags. Zunächst gilt es zu klären: Was ist eine Reiterhilfe und was soll sie bewirken? Aus meiner Sicht sind die Hilfen nicht für das Pferd, sondern für den Reiter. Das Pferd kann uns so detailliert lesen, dass es keiner weiteren, zu erlernenden Hilfe bedarf, um uns verständlich zu machen. Wenn – und da beginnt das Chaos – wenn wir in der Lage sind, klar und unverstellt in der Gegenwart zu agieren. Genau das ist uns im Laufe der Zivilisation jedoch abhanden gekommen, aberzogen worden.

Noch immer finden 90 Prozent unserer Kommunikation nonverbal statt. Da uns aber Konventionen, Bewertungen, Ängste aus der Vergangenheit und vor der Zukunft im Wege stehen, ist unser Geist oft nicht klar und schon gar nicht im Hier und Jetzt. Jeder Gedanke ist mit einer Emotion verknüpft, jede E-Motion bewegt uns im Innern – deutlich fühlbar für das Pferd, das wir durch unseren inneren Widerstreit verwirren und aus dem Gleichgewicht bringen. Um uns nun verständlicher ausdrücken zu können, haben wir die Hilfen „erfunden“ und unser Pferd darauf konditioniert. Im besten Fall fühlen wir den Zeitpunkt, in dem es sinnvoll ist, mit der einen oder anderen Bewegung oder Berührung das Pferd in seinem Gleichgewicht zu beeinflussen. Im anderen Fall „bedienen“ wir das Pferd und bringen es zum Funktionieren.

 

Es gibt aber auch einen anderen Weg und der beginnt bei uns selbst – ohne Pferd.

Indem wir Ordnung in unseren Geist und damit in unseren Körper und unser Leben bringen, werden wir bewusster für die Gegenwart, lassen Bewertungen außen vor und sind ganz im Augenblick, um wahrzunehmen, was ist. Einen Weg dorthin zeigt uns Moshè Feldenkrais

 

„Wenn du weißt, was du tust, kannst du tun, was du willst.“

 

Damit meint der Begründer der Feldenkrais-Methode: Wenn wir uns unserer Bewegungsmuster bewusst werden und diese achtsam verändern, ergänzen und um viele Möglichkeiten erweitern, werden wir flexibel und freier.

 

„Das Unmögliche wird möglich, das Schwere leichter und das Leichte spielerisch und elegant.“

 

Dieser Weg ist alles andere als leicht. Bedeutet er doch, sich ehrlich mit sich selbst und seinem Leben auseinander zu setzen. Zuzulassen, was wir gern übersehen, anzunehmen, was ist und alles loszulassen, ohne zu wissen, was kommt. Gehen wir diesen Weg, verändert sich unsere Haltung, auch im übertragenen Sinne. Und plötzlich wird ein Traum wahr: Wir spüren, wie unser Pferd auf unsere Gedanken reagiert und wir können uns mit ihm über Vorstellungen verständigen. Die Begegnung mit dem Pferd, das Reiten wird zum Gedankenaustausch, zu einem Dialog zweier Körper. Wir „befehlen“ unserem Pferd nicht mehr (mehr oder weniger sanft) was es zu tun hat – wir tauschen Ideen aus. Meine Vorstellung von Bewegung teilt sich dem Pferd mit und umgekehrt. Wichtig ist nicht die korrekte Ausführung einer Lektion, sondern die gemeinsame Bewegung. Die Begegnung wird zum Tanz.

 

Das klingt alles ein wenig esoterisch? Bitte, es geht auch wissenschaftlicher

 

Die Neurowissenschaft ist zu der Erkenntnis gelangt, dass bei jeder Vorstellung einer Bewegung alle dafür nötigen Nerven so aktiviert werden, als würde diese Bewegung tatsächlich ausgeführt. Das bedeutet auch wenn wir eine Handlung nur beobachten, wird sie innerlich „nachgespielt“ - gespiegelt – und als Handlungsoption abgespeichert. Das ist es, was unser hochsensibles Pferd Gedanken lesen lässt. Und ganz nebenbei: das ist auch die Grundlage für Empathie.

Je öfter wir sehen, je öfter wir fühlen, wie es ist, sich mit dem Pferd gemeinsam zu bewegen, desto klarer werden unsere Vorstellungen, desto einfacher der Dialog mit dem Pferd. Wie sagte schon Goethe: „Wenn ihr's nicht erfühlt – erjagen werdet ihr es nicht.“

Der Weg dorthin führt über die Achtsamkeit. Nehmen Sie wahr, wie Sie etwas tun. Ganz alltägliche, winzige Details – verändert sich der Atem, wenn Sie an etwas Bestimmtes denken? Wie reagiert der Körper? Verändert sich die Haltung? In welcher Reihenfolge ziehen Sie sich an? Mit welchem Fuß beginnen Sie das Treppensteigen?

 

Verändern Sie bewusst kleine Dinge und achten Sie darauf, wie ihr Körper darauf reagiert. (Nur Beobachten – keine Bewertung!) Halten Sie inne, wenn Sie erste Anzeichen von Stress bemerken (Atemänderung, Anspannung). Der Auslöser kann Ihnen manchmal banal vorkommen. Macht nichts! Das ist normal.

Dann tun Sie es ebenso im Zusammensein mit Ihrem Pferd. Nehmen Sie bewusst wahr, wie Sie Dinge tun und dann verändern Sie Details und achten auf Ihre Reaktion und die Ihres Pferdes. Halten Sie inne, wenn bei Ihnen oder Ihrem Pferd erste Anzeichen von Stress auftreten. Achten Sie auf Ihre Erwartungen. Diese erzeugen oft einen hohen Druck und lassen uns die Geschenke, die uns unser Pferd macht, übersehen.

Akzeptieren Sie Ihre und die Grenzen Ihres Pferdes. Erst wenn Sie die Möglichkeiten innerhalb dieser Grenzen ausgelotet haben, ist es Zeit für den nächsten Schritt. Machen Sie Dinge, die Ihnen Spaß machen! Nur wenn Sie begeistert sind, können Sie auch Ihr Pferd be – Geist – ern. Deshalb: Der Geist ist die wichtigste Reiterhilfe.

 

Nancy Franke  

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